Pressespiegel

Zurück zum Heldenmythos

Die Lichtenberger LINKE will die Verdienste der Roten Armee würdigen und die Straße Alt-Friedrichsfelde in Straße der Befreiung umbenennen.

Die Magis­tra­le zwi­schen dem Bahn­hof Lich­ten­berg und Bies­dorf hieß bereits von 1975 bis 1992 auf Geheiß der SED »Stra­ße der Befrei­ung«. Ent­spre­chend scharf bläst der Wind Rich­tung LINKE. »Das Bezirks­amt wird ersucht einen Dis­kus­si­ons­pro­zess mit der Bür­ger­schaft dar­über zu füh­ren, die Stra­ße Alt-Fried­richs­fel­de in Stra­ße der Befrei­ung rück­zu­be­nen­nen«, heißt es in dem Antrag, über den sich in der BVV-Sit­zung am 19. März eine lan­ge Debat­te ent­fach­te. Grund dafür sind auch die For­mu­lie­run­gen in dem Papier. »Im Zuge zahl­rei­cher Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen Anfang der 1990er Jah­re wur­de am 30.01.1992 die Stra­ße der Befrei­ung in Alt-Fried­richs­fel­de rück­be­nannt«, heißt es da. Und wei­ter: »Die­se geschichts­ver­ges­se­ne Ent­schei­dung gilt es mit Bli­ck auf den 70. Jah­res­tag der Befrei­ung zu kor­ri­gie­ren.« Zitiert wird in dem Text auch der kürz­li­ch ver­stor­be­ne Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker, der 1984 in einer viel beach­te­ten Rede anläss­li­ch der Kapi­tu­la­ti­on Nazi-Deutsch­lands von einem »Tag der Befrei­ung« sprach. Ihm sei wich­tig, eine Dis­kus­si­on anzu­sto­ßen und »die Men­schen in die­sem Pro­zess mit­zu­neh­men«, sag­te LIN­KE­Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Dani­el Tiet­ze in der BVV. »Eine Ent­schei­dung ohne Betei­li­gung und gegen den aus­drück­li­chen Wil­len der Betrof­fe­nen kann es hier­zu nicht geben«, erklär­te Tiet­ze wei­ter. »Uns geht es um nicht mehr und nicht weni­ger als die Aner­ken­nung von geschicht­li­chen Leis­tun­gen.« Doch die LINKE hat die Rech­nung ohne die ande­ren Par­tei­en gemacht. Von CDU, SPD und Grü­ne gibt es Kri­tik. »Das kön­nen wir so nicht mit­tra­gen«, sagt der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Dr. Erik Gührs. »Wir wer­den kei­nen Beschluss fas­sen, der 1975 auf den Beschluss einer Ein­par­tei­en-Dik­ta­tur zurück­zu­füh­ren ist«, sag­te Gührs in der BVV. Er kri­ti­siert zudem, dass das Wort Befrei­ung nicht ganz stimmt. »Der Antrag blen­det einen Teil der Geschich­te nach 1945 aus«, sag­te Gührs. CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der Gre­gor Hoff­mann sprach von einem muti­gen Antrag, fin­det aber skur­ril, aus­ge­rech­net Richard von Weiz­sä­cker zu zitie­ren. Die Mit­glie­der des Kul­tur­aus­schus­ses soll­ten sich gut über­le­gen, »ob sie einen sol­chen Pro­zess« los­tre­ten wol­len. Ange­sichts der Stim­men­ver­hält­nis­se in der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Ansin­nen der Links­frak­ti­on schei­tert. Umstrit­ten ist das Vor­ha­ben auch in sozia­len Netz­wer­ken wie Face­book: »Lich­ten­berg hat auch kei­ne ande­ren Pro­ble­me oder?«, schreibt ein Nut­zer auf der Sei­te der LINKEN. »Abso­lu­ter Quat­sch von den Lin­ken«, lau­tet der Kom­men­tar eines ande­ren Nut­zers in der Lich­ten­berg­Grup­pe von Face­book. Der Lei­ter der Gedenk­stät­te Hohen­schön­hau­sen, Dr. Huber­tus Kna­be, fragt sich, ob der Vor­schlag sati­ri­sch gemeint ist. »Mög­li­cher­wei­se wol­len die Antrag­stel­ler ja auch noch die Tor­stra­ße in Wil­helm-Pieck-Stra­ße zurück­be­nen­nen oder die Frank­fur­ter Allee in Sta­lin­al­lee«, erklärt der His­to­ri­ker gegen­über dem Bezirks-Jour­nal. In Lich­ten­berg gebe es zudem noch genug Über­bleib­sel aus der DDR-Zei­ten – zum Bei­spiel die Josef-Orlopp-Stra­ße, die immer noch an einen SED-Gewerk­schafts­funk­tio­när und Volks­kam­mer­ab­ge­ord­ne­ten erin­ne­re. »Wenn Lin­ke und Pira­ten etwas für eine demo­kra­ti­sche Erin­ne­rungs­kul­tur im Bezirk tun wol­len, könn­ten sie 25 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung die­se Stra- ße in Bär­bel-Boh­ley-Stra­ße umbe­nen­nen las­sen«, lau­tet Kna­bes Ein­wurf.

Autor: Marcel Gäding
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2015/04/Bezirks-Journal-Lichtenberg-April-2015.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal | 09.04.2015

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