Pressespiegel

Wildwuchs am Ehrenhain

Was so idyl­li­sch anmu­tet, sind kei­nes­wegs die »Gär­ten der Welt« oder ein natur­be­las­se­nes Land­schafts­res­sort, son­dern die Anla­ge des Zen­tral­fried­hofs in Fried­richs­fel­de. Ende des 19. Jahr­hun­derts vom Ber­li­ner Stadt­gar­ten­di­rek­tor Her­mann Mäch­tig und dem König­li­chen Gar­ten­bau­di­rek­tor Axel Fin­tel­mann als park­ähn­li­cher Gemein­de­fried­hof ange­legt, bie­tet die inzwi­schen auf mehr als 32 Hekt­ar Flä­che erwei­ter­te Anla­ge den Besu­chern – wie deren Schöp­fer es auch bezweckt hat­ten – Momen­te der Ruhe und Ent­span­nung inmit­ten städ­ti­scher Betrieb­sam­keit. Was nicht weni­ge Fried­hof-Besu­cher seit geraum­er Zeit aller­dings eher aus der Ruhe bringt, ist der Zustand der Anla­ge. Was­ser­häh­ne sind kaputt, Gieß­kan­nen feh­len, vie­le Grä­ber – ins­be­son­de­re jene, die sich im Ehren­hain für die Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes befin­den – sind ver­wil­dert und erfah­ren augen­schein­li­ch eine eher fru­ga­le Grab­pfle­ge. Ein­zig die im Ein­gangs­be­reich des Fried­hofs befind­li­che »Gedenk­stät­te der Sozia­lis­ten«, die mit den Grab- und Gedenk­stei­nen bedeu­ten­der Reprä­sen­tan­ten der Zeit­ge­schich­te wie Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht zugleich ein Anzie­hungs­punkt für Tou­ris­ten ist, ent­spricht dem Erschei­nungs­bild, das man gemein­hin von einem Zen­tral­fried­hof mit denk­mal­ge­schütz­ten Ein­zel­grä­bern, Wege­sys­tem und Gedenk­stät­te haben mag.

Bezirks­amt sind Zustän­de bekannt

»Auf dem Zen­tral­fried­hof haben sehr vie­le der Opfer des Faschis­mus und Ver­folg­te des Nazi­re­gimes ihre letz­te Ruhe­stät­te gefun­den. 824 Grab­stät­ten gibt es im vor­de­ren Teil des Ehren­hains in Fried­richs­fel­de. Bei einer Putz­ak­ti­on im Mai muss­ten wir fest­stel­len, dass vie­le Grä­ber schon lan­ge nicht mehr gepflegt wur­den. Dies wird der Ehrung die­ser Antifaschist/innen nicht gerecht«, macht Julia Mül­ler, die sich bei der Jugend­grup­pe LiA (Lin­ke Akti­on) Lich­ten­berg enga­giert, auf den Miss­stand auf­merk­sam. Die 21jäh­ri­ge Stu­den­tin aus Hohen­schön­hau­sen nutz­te die Bezirks­ver­ord­ne­ten-ver­samm­lung (BVV) in der ver­gan­ge­nen Woche, um das Bezirks­amt Lich­ten­berg, »um pfle­ge­ri­sche Unter­stüt­zung« zu bit­ten. Seit Jah­ren küm­mert sich ins­be­son­de­re die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­tin­nen und Anti­fa­schis­ten (VVN-BdA) ehren­amt­li­ch um die Pfle­ge des Ehren­hains. Bei den regel­mä­ßi­gen Arbeits­ein­sät­zen vor Ort gehen ihr nun auch inter­es­sier­te Jugend­li­che zur Hand. »Dass die Anla­ge nicht aus­rei­chend gepflegt wird und ihr Zustand zu Wün­schen übrig lässt, ist dem Bezirks­amt seit län­ge­rem bekannt«, erklär­te Wil­fried Nün­thel (CDU), Bezirkstadt­rat für Stadt­ent­wick­lung. Der sei­nem Res­sort unter­ste­hen­de Fach­be­reich Grünflächenunterhaltung/ Städ­ti­sche Fried­hö­fe ist für die gärt­ne­ri­sche Unter­hal­tung öffent­li­cher Fried­hö­fe eben­so zustän­dig wie für die Pfle­ge und Unter­hal­tung in gar­ten­denk­mal­pfle­ge­ri­schen Berei­chen, von Ehren­grä­bern und Ehren­ma­len. »Wir sehen uns gegen­wär­tig nicht in der Lage, mit dem vor­han­de­nen Per­so­nal auf dem Fried­hof außer der Erhal­tungs­pfle­ge wei­ter­rei­chen­de Maß­nah­men durch­zu­füh­ren. Zusätz­li­ches Per­so­nal ein­zu­stel­len, ist nicht mög­li­ch«, ergänz­te der Stadt­rat ernüch­tert. Dem Bezirks­amt sei in der Ver­gan­gen­heit ledig­li­ch gelun­gen, im Kon­text der Per­so­nal­ein­spa­run­gen in der kom­mu­na­len Ver­wal­tung den Per­so­nal­be­stand auf dem Fried­hof zu hal­ten. »Aber das Ergeb­nis ken­nen sie ja selbst: Den Zustand zu hal­ten, heißt nicht, ihn zu ver­bes­sern«, so Nün­thel.

För­der­kreis enga­giert sich vor Ort?

Auch der im Jahr 2000 gegrün­de­te »För­der­kreis Erin­ne­rungs­stät­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung Ber­lin-Fried­richs­fel­de e.V.«, der zudem Besu­cher vor Ort infor­miert, bringt sich bei der Pfle­ge der Anla­ge ein. »Für die­ses Jahr ist es uns erst­ma­lig gelun­gen, ein Denk­mal­pfle­ge­pro­jekt zu instal­lie­ren. Wir haben vor einer Woche kon­kre­te Ver­ab­re­dun­gen getrof­fen, wel­che Arbei­ten – ins­be­son­de­re im Ehren­hain – not­wen­dig sind und umge­setzt wer­den kön­nen, um den all­ge­mei­nen Zustand der Anla­ge zu ver­bes­sern«, erklär­te Prof. Jür­gen Hof­mann vom För­der­kreis, der zugleich für Die Lin­ke in der BVV sitzt. »Unser Anlie­gen ist es, die­se Anla­ge so zu erhal­ten, dass die Erin­ne­rung an die Frau­en und Män­ner des Wider­stan­des und der Emi­gra­ti­on wür­dig bewahrt wer­den kann. Den­no­ch muss man sagen, durch die Fried­hofs­ge­setz­ge­bung sind lei­der nicht alle Bedin­gun­gen gege­ben, dass das auch finan­zi­ell ent­spre­chend unter­mau­ert wer­den kann. Es bedarf also wei­ter­hin gemein­sa­mer Anstren­gun­gen.«

Die Lin­ke Akti­on Lich­ten­berg lädt am 26. Juni um 18 Uhr zu einem abend­li­chen Fried­hofs­rund­gang nach Fried­richs­fel­de (Gud­run­stra­ße 20, 10315 Ber­lin) ein, bei dem gemein­sam mit Prof. Jür­gen Hof­mann die Anla­ge besich­tigt und aus­ge­wähl­te Bio­gra­fi­en erkun­det wer­den sol­len.

Autor: Andrea Scheuring
Verweis: www.lichtenbergmarzahnplus.de/wildwuchs-am-ehrenhain/

Quelle: LichtenbergMarzahnPlus | 22.06.2015

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