Pressespiegel

Vor der Schutthalde gerettet

Kunst am Bau: Ob das Relief »Dorf gestern und heute« jemals wieder zu sehen sein wird, ist fraglich

Fast 38 Jah­re lang gehör­te das Kunst­werk des Ber­li­ner Bild­hau­ers Niko­laus Bode zu der ehe­ma­li­gen Kauf­hal­le und dem spä­te­ren Super­markt in der Weit­ling­s­tra­ße 59. Grund­la­ge für das 1978 als Auf­trags­werk ent­stan­de­ne Kunst­werk war die Anord­nung der DDR von 1952, dass jeweils ein Anteil von ein bis zwei Pro­zent der Bau­sum­me für gesell­schaft­li­che Bau­ten für die Kunst am Bau zu ver­wen­den sei. Bode hat­te auf den bei­den Reli­efs mit viel Phan­ta­sie und sehr humor­voll mehr als ein­hun­dert unter­schied­li­che Per­so­nen dar­ge­stellt, die sowohl das Leben auf dem Land als auch in der Stadt zeig­ten. Der Aus­bau des Park­plat­zes am REWE-Markt im Som­mer die­ses Jah­res läu­te­te jedoch das Aus für das zwei­tei­li­ge Reli­ef ein. In einer Blitz­ak­ti­on, initi­iert von der Links­frak­ti­on in der BVV Lich­ten­berg, wur­de zumin­dest ein Teil geret­tet und auf einem Gelän­de des Bezirks­am­tes in Alt-Fried­richs­fel­de im Frei­en gela­gert. Ob es zu einer Neu­auf­stel­lung im öffent­li­chen Raum kommt, steht aller­dings in den Ster­nen. Die Kos­ten dafür wur­den vom Bezirks­amt mit 40.000 Euro ver­an­schlagt. In der Sum­me ent­hal­ten sind je 15.000 Euro für den Abbau und je 5.000 Euro für den Auf­bau der bei­den Reli­efs. Das ist dem Bezirks­amt zu teu­er. »Eine Sum­me, die wir schon gleich nach der ers­ten Aus­sa­ge des Bezirks­am­tes für zu hoch ange­setzt hiel­ten«, sagt die Abge­ord­ne­te Hen­drik­je Klein (Die Lin­ke).

Auch Maja-Helen Feu­stel, Künst­le­rin und ehe­ma­li­ges Mit­glied im Kul­tur­aus­schuss der BVV Lich­ten­berg, hält die Sum­me für viel zu hoch, zumal es sich nur noch um ein Reli­ef han­delt. Sie hat­te im Som­mer die­ses Jah­res durch Zufall ent­deckt, dass das Gesamt­kunst­werk im Zuge der Bau­ar­bei­ten ent­sorgt wer­den soll­te. »Ich habe sofort recher­chiert, wer der Künst­ler ist, und ihn von dem Abriss infor­miert«, sagt sie. Niko­laus Bode hat­te kei­ne Ahnung, dass sein Reli­ef zer­stört wer­den soll­te. In einer öffent­li­chen Pres­se­kon­fe­renz vor Ort, an der auch der Künst­ler teil­nahm, wur­de über das Gesche­hen infor­miert. Bode erzähl­te von der Ent­ste­hung der Reli­efs und sprach ange­sichts der Zer­stö­rung sei­nes Kunst­wer­kes von Kul­tur­lo­sig­keit und Arro­ganz. Bereits zuvor hat­te Maja-Helen Feu­stel in einer münd­li­chen Anfra­ge in der BVV vom Bezirks­amt Klar­heit über den Umgang mit dem Kunst­werk gefor­dert. Vor­aus­set­zung für eine Neu­auf­stel­lung in einer bezirks­ei­ge­nen Grün­an­la­ge sei, so ließ der dama­li­ge Bezirks­stadt­rat Wil­fried Nün­thel (CDU) durch die Kul­tur­stadt­rä­tin über­mit­teln, dass dem Bezirk kei­ne Kos­ten ent­stün­den. In einem wei­ter­füh­ren­den Antrag stell­te die Links­frak­ti­on weni­ge Zeit spä­ter klar, wie künf­tig mit Kunst im Stadt­raum umge­gan­gen wer­den soll.
Die Hälf­te des Reli­efs »Dorf ges­tern und heu­te« – in sei­ner Art ein Uni­kat –, ist jedoch unwie­der­bring­li­ch ver­lo­ren. Zum einen, weil ein Teil bereits demon­tiert war, bevor die Ret­tungs­ak­ti­on ein­setz­te. Zum ande­ren, weil die Gips­for­men, die als Vor­la­gen für den Guss durch die Fir­ma VEB Baure­pa­ra­tu­ren in Pan­kow dien­ten, im Her­stel­lungs­pro­zess zer­stört wur­den und also ein Nach­bau nicht mög­li­ch ist. »Da haben wir Lich­ten­ber­ge­rin­nen und Lich­ten­ber­ger wie­der­mal einen nicht wie­der gut zu machen­den kul­tu­rel­len Ver­lust erlit­ten … Kul­tur­van­da­lis­mus muss ver­hin­dert und die noch vor­han­de­nen Kunst­wer­ke im öffent­li­chen Raum geschützt wer­den!«, so der Wort­laut der Erklä­rung vom 8. Juni die­ses Jah­res von Maja-Helen Feu­stel und Hen­drik­je Klein, damals Vor­sit­zen­de der Links­frak­ti­on in der BVV Lich­ten­berg.
Das The­ma Kunst am Bau stand auch in der letz­ten BVV-Tagung, unmit­tel­bar vor den Wahlen, auf dem Pro­gramm. Noch gibt es im Bezirk kein Gre­mi­um, das sich für die­ses The­ma bewusst gewollt stark macht. Es ist auch nicht bekannt, wie viel Kunst am Bau im Bezirk über­haupt vor­han­den ist. Im Bezirks­amt neh­me man die­sen Bereich wohl nicht so ganz ern­st, so das trau­ri­ge Fazit von Maja-Helen Feu­stel.

Autor: Christine Meier
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2016/12/Bezirks-Journal-Lichtenberg-Dezember-2016.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal, Sei­te 5 | 08.12.2016

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