Pressespiegel

Verdichtung mit Konfliktpotenzial

Kontroverse Bürgerversammlung in der Villa am Fennpfuhl

»Dach­ten sie, wir inter­es­sie­ren uns nicht für unse­ren Kiez?«, rief eine auf­ge­brach­te Bewoh­ne­rin den Ver­an­stal­tern ent­ge­gen, die mit so viel Andrang nicht gerech­net hat­ten. Ein­ge­la­den hat­te der Bür­ger­ver­ein Fenn­pfuhl zum The­ma »Ver­dich­tung ver­sus Woh­nen im Grü­nen, mit­ten in der Stadt« und als kom­pe­ten­ter Gesprächs­part­ner war Bezirks­stadt­rat für Stadt­ent­wick­lung, Wil­fried Nün­thel (CDU), gekom­men.

Bür­ger wol­len Grün­flä­chen erhal­ten

»Über 90 Pro­zent der Fenn­pfuh­ler leben gern hier«, sag­te Ver­samm­lungs­lei­ter und Vor­sit­zen­der des Bür­ger­ver­eins, Rai­ner Bos­se, in sei­ner Ein­lei­tung. Die Ein­woh­ner hät­ten die Erwar­tung, dass für Neu­bau­ten im Rah­men einer öko­lo­gi­schen Stadt­ent­wick­lung die Prä­mis­se gel­te, dafür mög­lichst kei­ne Grün­flä­chen in Anspruch zu neh­men.

»Wir haben das Ziel, für den Neu­bau von Woh­nun­gen, Schu­len und Kitas kei­ne Klein­gar­ten­an­la­gen und kei­ne öffent­li­chen Grün­an­la­gen her­zu­ge­ben«, erklär­te der Stadt­rat. Auch Tei­le der Bar­ni­mer Feld­mark im Nor­den des Bezirks soll­ten nicht ange­rührt wer­den, son­dern eher Flä­chen, die schon ein­mal bebaut waren und die tech­ni­sche Infra­struk­tur für eine erneu­te Bebau­ung mit­brin­gen. Natür­li­ch kön­ne er nur über öffent­li­che Grün­flä­chen spre­chen, so Nün­thel.

Neu­bau­vor­ha­ben in bestehen­den Kie­zen

Der Stadt­ent­wick­lungs-Chef infor­mier­te über vor­ge­se­he­ne gro­ße Woh­nungs­bau-Stand­or­te im Bezirk im Rah­men städ­te­bau­li­cher Ver­dich­tung. So will die Howo­ge gemein­sam mit einem Pri­vat­in­vestor unter ande­rem am Wei­ßen­seer Weg 76 (Gelän­de des ehe­ma­li­gen Bus­ab­stell­plat­zes der BVG) 750 Woh­nun­gen bau­en. Dazu lau­fe ein Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren. Im Wohn­quar­tier Wei­ße Tau­be an der Lands­ber­ger Allee bestün­de Poten­zi­al für noch ein­mal 2.000 Woh­nun­gen in fünf­ge­schos­si­gen Häu­sern. Die lan­des­ei­ge­ne Ber­li­no­vo hat die Absicht, an der Stor­kower Stra­ße, Ecke Franz-Jacob-Stra­ße ein Stu­den­ten­wohn­heim zu errich­ten. Bau­recht sei dort gege­ben, so der Stadt­rat. Auch für die Alfred-Jung-Stra­ße 14 sei ein Pro­jekt anhän­gig und es gebe eine Bau­ge­neh­mi­gung. 15 bis 20 Flä­chen im Bezirk kämen so für Ver­dich­tun­gen in Fra­ge. »Da ist noch nicht das Ende der Fah­nen­stan­ge erreicht«, so Nün­thel.

Paul-Zobel-Stra­ße ein­schach­teln?

Ein Woh­nungs­bau­vor­ha­ben mit hohem Kon­flikt­po­ten­zi­al gibt es in der Paul-Zobel-Stra­ße. Das wur­de auch auf der Bür­ger­ver­samm­lung deut­li­ch. Dort ste­hen bereits etli­che Zehn­ge­schos­ser der WGLi, die eine recht­ecki­ge Frei­flä­che umschlie­ßen. Die Howo­ge hat einen Teil des Mit­tel-Grund­stücks erwor­ben und will über 60 Woh­nun­gen bau­en. Theo­re­ti­sch könn­te die Gesell­schaft Häu­ser mit bis zu zehn Stock­wer­ken errich­ten. Das Bau­recht ver­langt ledig­li­ch, dass sich Neu­bau­ten in das Umfeld ein­fü­gen.

Die jet­zi­gen Anwoh­ner sind strikt gegen Woh­nungs­neu­bau. Sie haben eine Woh­nung und befürch­ten eine Ver­schlech­te­rung ihres Wohn­um­fel­des. Die ohne­hin kata­stro­pha­le Park­platz­si­tua­ti­on wür­de sich wei­ter ver­schär­fen, die Stra­ßen sei­en zu eng, zusätz­li­che Häu­ser wür­den Schat­ten auf den Spiel­platz wer­fen und es müss­ten Bäu­me gefällt wer­den, so eini­ge Argu­men­te. In unmit­tel­ba­rer Nähe zum Howo­ge-Bau­vor­ha­ben ist bereits ein Fami­li­en- und Bil­dungs­zen­trum der Hoff­nungs­trä­ger-Stif­tung mit Kita im Ent­ste­hen. »Es kommt uns vor, als ob wir ein­ge­schach­telt wer­den, es bleibt fast nichts Grü­nes. Wir wol­len die Pla­nun­gen sehen, viel­leicht gibt es ja Kom­pro­miss­mög­lich­kei­ten«, brach­te es ein Anwoh­ner auf den Punkt. Um ihrem Unmut Nach­druck zu ver­lei­hen, hat­ten 260 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger einen Pro­test­brief unter­schrie­ben und an den Stadt­rat gesandt. Der fühlt sich zu Unrecht in der Schuss­li­nie. »Egal, ob ich das Pro­jekt gut oder schlecht fin­de, wenn es den bau­recht­li­chen Vor­schrif­ten ent­spricht, hat es Anspruch auf Geneh­mi­gung«, sag­te er. Das erwor­be­ne Are­al sei als Bau­land aus­ge­wie­sen. Park­plät­ze sei­en in der Bau­ord­nung nicht ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben (ledig­li­ch Behin­der­ten­park­plät­ze- und Fahr­rad-Abstell­mög­lich­kei­ten) und »Bau­recht schlägt Baum­recht«. Natür­li­ch müs­se der Bau­herr für Ersatz­pflan­zun­gen sor­gen.

Streit oder Kom­pro­miss

Eine ande­re Fra­ge sei, so der Bezirks­stadt­rat wei­ter, ob sich die Howo­ge einen dau­er­haf­ten Streit mit der Nach­bar­schaft wün­sche. Das Bezirks­amt ver­lan­ge von der städ­ti­schen Woh­nungs­ge­sell­schaft, dass sie den Pro­jekt­ent­wurf, für den sie sich am Vor­tag der Bür­ger­ver­samm­lung ent­schie­den hat­te, den Anwoh­nern selbst vor­stellt. War­um kein ein­zi­ger Howo­ge-Ver­tre­ter zu der Ver­an­stal­tung des Bür­ger­ver­eins gekom­men war, blieb uner­gründ­li­ch. Die Gesell­schaft war sowohl über den Ter­min als auch über den Pro­test­brief in Kennt­nis gesetzt wor­den. Rai­ner Bos­se sicher­te den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zu, dass es zu dem The­ma Paul-Zobel-Stra­ße geson­der­te Ein­woh­ner­ver­samm­lun­gen geben wer­de. An die­sem Abend gin­gen vie­le ver­är­gert nach Hau­se.

Der Zuzug nach Lich­ten­berg hält an. Jähr­li­ch wächst die Ein­woh­ner­zahl per Sal­do um drei- bis vier­tau­send. Es gibt qua­si kei­nen Woh­nungs­leer­stand mehr, er liegt unter einem Pro­zent. Gemäß Plä­nen des Senats sind die sechs lan­des­ei­ge­nen Woh­nungs­un­ter­neh­men bis Ende 2016 ange­hal­ten, ins­ge­samt 30.000 neue Woh­nun­gen in Ber­lin zu bau­en.

Autor: Volkmar Eltzel
Verweis: www.lichtenbergmarzahnplus.de/verdichtung-mit-konfliktpotenzial/

Quelle: LichtenbergMarzahnPlus | 28.11.2015

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