Pressespiegel

Meister Lampe auf dem weg nach Berlin

Wenn er es nicht mit eige­nen Augen gese­hen hät­te, Wil­fried Nün­thel hät­te gedacht, dass ihm jemand einen Bären auf­bin­den will. Doch tat­säch­li­ch ent­deck­te Lich­ten­bergs Stadt­ent­wick­lungs­stadt­rat vor eini­ger Zeit in der Sewan­stra­ße in Fried­richs­fel­de einen Hasen. Einen Feld­ha­sen, um es genau­er zu sagen. Einen »Lepus euro­pa­eus«. Jener Meis­ter Lam­pe gilt als scheu und fühlt sich eher in wei­ten Land­schaf­ten wohl. Offen­sicht­li­ch aber hat er Lich­ten­berg für sich ent­deckt. »Schon 2008 hat unser Umwelt- und Natur­schutz­amt 290 Sich­tun­gen von Feld­ha­sen regis­triert«, sagt Nün­thel. Nun ist der Kom­mu­nal­po­li­ti­ker einer der weni­gen Städ­ter, der ein Wild­ka­nin­chen – von denen es in Ber­lin Tau­sen­de gibt – von einem Feld­ha­sen unter­schei­den kann. Denn Nün­thel ist auf dem Land groß gewor­den und ein aus­ge­spro­che­ner Ken­ner von Fau­na und Flo­ra. Und so star­tet sei­ne Abtei­lung jetzt ein Pro­jekt, das die natur­in­ter­es­sier­ten Lich­ten­ber­ger ein­be­zie­hen soll. Sie sind auf­ge­ru­fen, ihre Sich­tun­gen von Feld­ha­sen zu mel­den. Und damit da nicht gleich Äpfel und Bir­nen in einen Topf gewor­fen wer­den, gibt es ein paar Details zu beach­ten: Der Feld­ha­se ist Ein­zel­gän­ger, wird nur zur Paa­rungs­zeit mal mit einem Art­ge­nos­sen gese­hen. Er lebt im Gegen­satz zum Wild­ka­nin­chen nicht in einem Bau. Sei­ne Ohren sind deut­li­ch län­ger als die sei­nes ent­fern­ten Ver­wand­ten. Sein Kör­per ist im Ver­gleich zum unter­setz­ten Kanin­chen eher gra­zil und sport­li­ch. Natür­li­ch hat die gan­ze vom Umwelt- und Natur­schutz­amt aus­ge­ru­fe­ne Akti­on auch einen Sinn. Stellt sich her­aus, dass es eine ern­st zu neh­men­de Popu­la­ti­on von Feld­ha­sen im Bezirk Lich­ten­berg gibt, hat dies Fol­gen – unter ande­rem auf Bau­pro­jek­te, etc. Denn in vie­len Gegen­den gilt der Feld­ha­se als bedroht, steht unter beson­de­rem Schutz. Ohne Wei­te­res lie­ßen sich freie Flä­chen dann nicht mehr bebau­en, weil die­se als Lebens­raum im Bun­des­na­tur­schutz­ge­setz eine beson­de­re schüt­zens­wer­te Stel­lung ein­neh­men. Schaut man auf die Bezirks-Kar­te, die Wil­fried Nün­thels Abtei­lung erstellt hat, reibt man sich ver­wun­dert die Augen: Vor allem in Fried­richs­fel­de und Karls­hor­st gibt es den Erhe­bun­gen von 2008 zufol­ge einen regel­rech­ten Feld­ha­sen­boom. Im Nor­den des Bezirks, in den Wei­ten der Bar­ni­mer Feld­mark, wur­den zwar auch Exem­pla­re des flin­ken Feld­ha­sen gesich­tet – aber weit­aus weni­ger als im Süd­en des Bezirks. Das über­rascht Wil­fried Nün­thel, denn Rum­mels­burg, Fried­richs­fel­de und Karls­hor­st sind deut­li­ch enger bebaut als War­ten­berg, Fal­ken­berg und Mal­chow. »Uns wun­dert die­se Dimen­si­on schon«, sagt Wil­fried Nün­thel. Dass der Feld­ha­se Bran­den­burg den Rücken kehrt, kann eini­ge Grün­de haben, erklärt der land­wirt­schaft­li­ch bewan­der­te Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. »Dazu gehört die Umstel­lung auf eine groß­räu­mi­ge Land­wirt­schaft, die sich nega­tiv auf den Arten­schutz aus­wirkt.« Dass Füch­se, Wild­schwei­ne und auch die eine oder ande­re Grau­gans immer mehr in die Stadt vor­drin­gen, ist in Ber­lin längst kein sel­te­nes Phä­no­men mehr. Wis­sen­schaft­ler ste­hen jedoch, was den Feld­ha­sen betrifft, vor einem ernst­haf­ten Rät­sel. Prof. Dr. Jörns Fickel, Lei­ter der Abtei­lung Evo­lu­ti­ons­ge­ne­tik am Leib­nizIn­sti­tut für Zoo- und Wild­tier­for­schung (IZW) in Lich­ten­berg, sagt, dass »Bran­den­burg ein fan­tas­ti­sches Hasen­land« ist. Doch: Wäh­rend es in Nie­der­sach­sen und Nord­rhein-West­fa­len zwi­schen 40 und 45 Tie­re pro 100 Hekt­ar gibt, sind es in der Mark nur an die acht bis zehn. »Der Hase braucht Flä­che, er ist ein Lauf­tier«, sagt Fickel. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sei­en in Bran­den­burg gege­ben. Was den Mole­ku­lar­bio­lo­gen wun­dert: »Wie kom­men die Hasen nach Ber­lin, wenn es in Bran­den­burg schon so weni­ge gibt?« Beant­wor­ten kann sich Fickel der­zeit die­se Fra­ge nicht. Dabei ist sei­ne Abtei­lung die rich­ti­ge Anlauf­stel­le, um die Fra­ge lang­fris­tig zu beant­wor­ten. Seit 1997 macht der Feld­ha­se einen der Schwer­punk­te am IZW aus. Bis­lang wur­den mehr als 1.000 Tie­re aus dem gesam­ten Bun­des­ge­biet unter­sucht – von Inter­es­se ist vor allem das gene­ti­sche Mate­ri­al. Weil in eini­gen Bun­des­län­dern die Tie­re gejagt wer­den dür­fen, zieht es die Wis­sen­schaft­ler des IZW regel­mä­ßig in ande­re Bun­des­län­der, um Pro­ben zu neh­men. Eine ers­te Ver­mu­tung, war­um die Feld­ha­sen in Lich­ten­berg ger­ne leben, hat Fickel aller­dings schon. Dazu gehört, dass es im Gegen­satz zur frei­en Land­schaft in der Stadt weni­ger soge­nann­te Prä­da­to­ren – also Beu­te­g­rei­fer – leben. Außer­dem bie­ten die Grün­flä­chen im Bezirk aus­rei­chend Nah­rung für den Feld­ha­sen. Fickel sagt, dass die Flucht­dis­tanz der Tie­re immer kür­zer wer­de und sie sich zudem dar­an gewöh­nen, Geräu­sche zu dif­fe­ren­zie­ren. Dazu gehört, dass der Groß­stadt­lärm als eher harm­los ein­ge­stuft wird, wäh­rend Feld­ha­sen ihre tie­ri­schen Fein­de akus­ti­sch nach wie vor gut aus­ma­chen kön­nen. Von dem neu­es­ten Pro­jekt des Bezirks­am­tes Lich­ten­berg ist Jörns Fickel begeis­tert. Er erhofft sich von den Mel­dun­gen der Feld­ha­sen neue Erkennt­nis­se. »Wis­sen wir, wo es wel­che gibt, kön­nen wir uns unter ande­rem auf die Suche nach Kot machen, der uns Infor­ma­tio­nen lie­fert«, sagt Fickel. Auf­schluss­reich dürf­ten aber auch Kno­chen- und Fell­re­s­te von Feld­ha­sen sein, die einem Greif­vo­gel oder einem Fuchs zum Opfer gefal­len sind.

Autor: MARCEL GÄDING
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2015/12/BZJ_12_2015_Lichtenberg.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal | 10.12.2015

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