Pressespiegel

Ein Altar mit Vorhang

Religion:

Die Tür der alten Kir­che am Roede­li­us­platz steht weit offen, und das könn­te durch­aus als Bot­schaft ver­stan­den wer­den: Jeder ist will­kom­men. »Uns ist es egal, ob es sich dabei um Chris­ten oder Mus­li­me han­delt«, sagt Ayad She­ha­ta vom Gemein­de­rat der Kop­tisch-Ortho­do­xen Kir­che. Es riecht nach Weih­rauch in der fest­lich beleuch­te­ten klei­nen Kapel­le. Auf dem Red­ner­pult liegt ein klei­nes, dickes Buch mit Tex­ten in ara­bi­scher Schrift. Das gel­be Licht des Kron­leuch­ters sorgt für eine ganz beson­de­re Stim­mung. Ein Raum wei­ter sit­zen syri­sche Flücht­lin­ge an einem Tisch, Män­ner, Frau­en und Kin­der. Als Erz­pries­ter Gir­gis El Moha­raky den Raum betritt, ist es plötz­lich ruhig. Ehr­fürch­tig küsst ihm eine Frau die Hand, wäh­rend ihr etwa zwei Jah­re alter Sohn am sil­ber­nen Kreuz des hohen Geist­li­chen zieht, das an einer Hals­ket­te befes­tigt ist. Seit 8 Uhr ist er in sei­ner Kir­che zugan­ge, sagt El Moha­raky. Zwei­ein­halb Stun­den Got­tes­dienst lie­gen bereits hin­ter ihm, danach folg­te ein Ter­min mit Ver­tre­tern des Bezirks­am­tes Lich­ten­berg. Jetzt, am frü­hen Nach­mit­tag, knurrt ihm der Magen. »Ich habe den gan­zen Tag noch nichts geges­sen.«

Gir­gis El Moha­raky ist ein sehr freund­li­cher Mann mit einem grau­en Rau­sche­bart. Der Mönch­spries­ter trägt ein lan­ges, schwar­zes Gewand mit Kreu­zen dar­auf und eine Kap­pe mit zwölf Kreu­zen auf der lin­ken und rech­ten Sei­te, wel­che die zwölf Apos­tel dar­stel­len. Das Kreuz auf der Hin­ter­sei­te steht für Jesus. Der Ägyp­ter ist der höchs­te Geist­li­che in der St. Athon­si­us und St. Schenou­da-Gemein­de, die 1996 die eins­ti­ge evan­ge­li­sche Glau­bens­kir­che über­nahm und der rund 800 kop­tisch-ortho­do­xe Chris­ten betreut. Die Kop­ten gehö­ren zur christ­li­chen Min­der­heit Ägyp­tens. Welt­weit wird ihre Zahl auf 18 Mil­lio­nen Gläu­bi­ge geschätzt. In der Bun­des­re­pu­blik leben rund 15.000 Kop­ten.

Wenn er sonn­tags den Got­tes­dienst fei­ert, ist das Haus voll, sagt Gir­gis El Moha­raky. Dann sit­zen an die 400 Män­ner, Frau­en und Kin­der auf den alten Bän­ken der 1905 eröff­ne­ten Kir­che. Auch heu­te noch ist die Beschei­den­heit der Pro­tes­tan­ten im Kir­chen­schiff zu spü­ren. Nur der 2013 geweih­te Altar deu­tet dar­auf hin, dass das einst evan­ge­li­sche Got­tes­haus von ortho­do­xen Chris­ten genutzt wird. Hin­ter der reich ver­zier­ten Wand und dem mit­tig plat­zier­ten Vor­hang befin­det sich die Kan­zel. Für klei­ne­re Andach­ten wur­de eben jener Neben­raum her­ge­rich­tet. Stolz thront über dem Haupt­ein­gang zum Kir­chen­schiff die alte Orgel. Das Herz­stück der kop­ti­schen Kir­che ist mit einem Tep­pich­bo­den aus­ge­stat­tet, der dem Sakral­bau die Käl­te und ein Stück weit auch die Domi­nanz nimmt. Das alles hat fast schon etwas Gemüt­li­ches. In zügi­gen Schrit­ten kommt Gir­gis El Moha­raky auf sei­nen Besu­cher zu und nimmt ihn mit in sei­ne Kir­che. Er geht vor­an, zeigt stolz Räu­me, die gera­de für die »Kin­der­schu­le« und für die Sozi­al­ar­bei­ter der Gemein­de her­ge­rich­tet wer­den. Im Gegen­satz zu den Katho­li­ken oder Pro­tes­tan­ten kön­nen die Kop­ten nicht auf Ein­nah­men aus der Kir­chen­steu­er hof­fen. Sie leben von Spen­den, mit denen der Erhalt des Got­tes­hau­ses finan­ziert wird. »Wir müss­ten eigent­lich meh­re­re Mil­lio­nen Euro in das Haus inves­tie­ren«, sagt Ayad She­ha­ta vom Gemein­de­rat. Über­all blät­tert der Putz von den Wän­den. Im Win­ter ist es in der Kir­che bit­ter­kalt. Unter zwölf Kir­chen­bän­ken wur­den Hei­zun­gen ange­bracht. Doch die Kos­ten für das Heiz­öl belau­fen sich auf gut 3.500 Euro im Monat. Geld, das die Kop­tisch Ortho­do­xe Kir­che der­zeit nicht hat. Immer­hin: Auf Initia­ti­ve des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Dr. Mar­tin Pät­zold (CDU) gab der Bund jetzt 137.000 Euro frei, um die Tür­me der denk­mal­ge­schütz­ten Kir­che zu sanie­ren.

Viel Zeit, sich Gedan­ken über die drin­gen­de Sanie­rung zu machen, hat die Gemein­de aber nicht. Der­zeit kom­men täg­lich bis zu 15 Flücht­lings­fa­mi­li­en in die Kir­che. Dort erhal­ten sie Hil­fe bei der Woh­nungs­su­che, bei Behör­den­gän­gen oder bei der Über­set­zung wich­ti­ger Doku­men­te. Am Roede­li­us­platz fin­den die Flücht­lin­ge christ­li­chen Glau­bens eine Heim­statt, denn hier wird ara­bisch gespro­chen.

Aller­dings: Auch im ver­meint­lich siche­ren Deutsch­land sehen sich die kop­ti­schen Chris­ten Anfein­dun­gen und sogar Gewalt aus­ge­setzt. Erst im ver­gan­ge­nen Herbst wur­de auf das Got­tes­haus in Lich­ten­berg ein Brand­an­schlag ver­übt. Gir­gis El Moha­raky ver­mu­tet dahin­ter mus­li­mi­sche Syrer aus einem nahe gele­ge­nen Flücht­lings­heim. Er selbst wur­de bereits auf der Stra­ße ange­spro­chen und ange­fein­det, muss­te syri­sche Jugend­li­che gar der Kir­che ver­wei­sen. »Natür­lich haben wir Angst«, sagt Gir­gis El Moha­raky. Des­halb wer­den aber die schwe­ren Holz­tü­ren nicht ver­ram­melt.

Ganz im Gegen­teil: Die Kop­tisch-Ortho­do­xe Kir­che möch­te den Fokus ihrer Gemein­de­ar­beit noch stär­ker auf Flücht­lin­ge rich­ten, Deutsch-Unter­richt anbie­ten und die Sozi­al­ar­beit ver­stär­ken. Vie­le deut­sche Nach­barn bie­ten ihre Hil­fe an, unter­neh­men mit den Flücht­lings­fa­mi­li­en Aus­flü­ge in die Innen­stadt und zei­gen ihnen Sehens­wür­dig­kei­ten wie die Sie­ges­säu­le oder das Bran­den­bur­ger Tor. Damit die Kin­der Abwechs­lung zur Tris­tesse der Flücht­lings­un­ter­künf­te bekom­men, soll am Ran­de der Kir­che ein Spiel­platz ent­ste­hen. »Die­sen wol­len wir aber ein­zäu­nen, damit die Kin­der nicht auf die Stra­ße lau­fen«, sagt Ayad She­ha­ta, der auch als Sozi­al­ar­bei­ter tätig ist. Bis­lang aber macht die deut­sche Büro­kra­tie dem Vor­ha­ben einen Strich durch die Rech­nung – und beruft sich stur auf den Denk­mal­schutz.

Autor: Marcel Gäding
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2015/09/BZJ_09_2015_Lichtenberg.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal, Sei­te 4 des Ein­le­gers »Stand­ort Ost« | 11.09.2015

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