Pressespiegel

Die Todespiste von Hohenschönhausen

Der jüngs­te Unfall ist erst vor weni­gen Wochen pas­siert. Jür­gen Tietz saß in sei­nem Büro, als es schep­per­te. Ein 14-jäh­ri­ges Mäd­chen hat­te ver­sucht, über die Geh­ren­see­stra­ße zu kom­men, unter­schätz­te aber die Geschwin­dig­keit eines her­an­fah­ren­den Autos. Des­sen 27-jäh­ri­ge Fah­re­rin konn­te nicht mehr brem­sen und erfass­te die Jugend­li­che, die mit schwe­ren Ver­let­zun­gen ins Kran­ken­haus kam.

Tietz wohnt seit den 1980er-Jah­ren in der Geh­ren­see­stra­ße, wo er auch sein Büro betreibt. Damals war die Welt im Kiez noch in Ord­nung. »Die Brü­cke in Rich­tung Mar­zahn gab es noch nicht«, erin­nert sich Tietz. Doch seit 2003 hat der Ver­kehr in der Stra­ße merk­li­ch zuge­nom­men. Die zwei­spu­ri­ge Stre­cke ist ein wich­ti­ger Zubrin­ger zwi­schen der City Ost, den Gewer­be­ge­bie­ten in Mar­zahn und Hohen­schön­hau­sen sowie zur Auto­bahn. Täg­li­ch wird die Geh­ren­see­stra­ße von rund 17.300 Autos fre­quen­tiert, wie die Senats­ver­kehrs­ver­wal­tung bereits 2011 errech­ne­te.

Das alles wäre nicht wei­ter tra­gi­sch. Doch mit dem ver­stärk­ten Ver­kehrs­auf­kom­men wird die Geh­ren­see­stra­ße zumin­dest für die Anwoh­ner zu einem Pro­blem. Immer wie­der kommt es zu schwe­ren Ver­kehrs­un­fäl­len. »In zehn Jah­ren gab es hier bereits zwölf Ver­kehrs­to­te«, sagt Jür­gen Tietz. Bele­gen las­sen sich die Zah­len nicht, weil sich die Poli­zei nicht im Stan­de sieht, die Vor­gän­ge der ver­gan­ge­nen Jah­re zu durch­su­chen. Trau­ri­ger Höhe­punkt der Unfäl­le war eine Kol­li­si­on mit Todes­fol­ge Anfang 2015: Damals hat­te ein älte­res Ehe­paar gera­de in einem Super­markt ein­ge­kauft. Auf dem Rück­weg nach Hau­se wur­den die Bei­den von einem Auto erfasst. Die Frau kam schwer ver­letzt ins Kran­ken­haus, der Mann erlag sei­nen Ver­let­zun­gen. Anwoh­ner Tietz berich­tet zudem von einer Rad­fah­re­rin, die an der Ecke Ben­no­stra­ße und Geh­ren­see­stra­ße ums Leben kam und von zwei wei­te­ren Rad­lern, für die ein Unfall eben­falls töd­li­ch geen­det haben soll.

Nicht nur die vie­len Unfäl­le gehen an sie Sub­stanz der Anlie­ger, son­dern auch der zuneh­men­de Lärm. Der Pegel liegt zwi­schen 62 und 71 Dezi­bel – je nach Tages­zeit. Zumin­dest nachts könn­te man den Lärm redu­zie­ren, in dem die zuläs­si­ge Höchst­ge­schwin­dig­keit auf 30 Stun­den­ki­lo­me­ter gesenkt wird, fin­det Jür­gen Tietz. Das könn­te etwas Abhil­fe schaf­fen, wenn­gleich Tietz weiß, »dass sich hier auch tags­über nie­mand an Tem­po 50 hält«. Seit Jah­ren setzt er sich beharr­li­ch dafür ein, dass die Geschwin­dig­keit in sei­ner Stra­ße redu­ziert wird – auch, um schwe­re Unfäl­le zu ver­hin­dern. Bis­lang aber ohne Erfolg. Seit die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung von Lich­ten­berg aber auf Initia­ti­ve der SPD dar­über berät, im benach­bar­ten Mal­chow­er Weg das Tem­po zu dros­seln, hat Tietz wie­der ein klei­nes biss­chen Hoff­nung.

»Die Lärm­schutz­maß­nah­men in der Geh­ren­see­stra­ße sind noch in der Prü­fung«, heißt es dazu aus der Senats­ver­kehrs­ver­wal­tung. Auf deren Grund­la­ge sol­le dann über Tem­po 30 in der Zeit von 22 bis 6 Uhr ent­schie­den wer­den. Unter­stüt­zung gibt es auch sei­tens des Bezirks: Der für die Stra­ßen zustän­di­ge Bezirks­stadt­rat Wil­fried Nün­thel (CDU) will erneut an die Ver­kehrs­len­kung Ber­lin her­an­tre­ten und sogar für ein ganz­tä­gi­ges Tem­po 30 auf der Geh­ren­see­stra­ße plä­die­ren. »Aller­dings ist das ein ganz dickes Brett, das wir da boh­ren.«

Autor: Marcel Gäding
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2017/01/Bezirks-Journal-Lichtenberg-Januar-2017.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal, Sei­te 4 | 12.01.2017

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