Pressespiegel

Denkzettel der Abgehängten

Wo die Armut zu Hause ist, wurde besonders viel AfD gewählt

Mar­zahn-Hel­lers­dorf:
In Mar­zahn-Hel­lers­dorf erziel­ten die Rechts­po­pu­lis­ten nicht nur ihr ber­lin­weit höchs­tes Zweit­stim­men-Ergeb­nis (23,6 Pro­zent). Dort wur­de die AFD auch zweit­stärks­te Kraft im Bezirk (15 BVV-Sit­ze) nach der Lin­ken (16 BVV-Sit­ze). Damit wird sie künf­tig nicht nur einen Stadt­rat, son­dern auch den Stell­ver­tre­ten­den Bezirks­bür­ger­meis­ter stel­len – ein­ma­lig in ganz Ber­lin. Das dürf­te die Außen­wahr­neh­mung des Bezirks, der in den letz­ten Jah­ren erfolg­reich dar­an gear­bei­tet hat­te, sein Image zu ver­bes­sern, auf abseh­ba­re Zeit prä­gen. Jean­net­te Auricht, die AfD-Bezirks­vor­sit­zen­de, war zwar Spit­zen­kan­di­da­tin für den Bezirk, will aber noch eige­nen Wor­ten kei­ne Stadt­rä­tin wer­den. Sie zieht ins Abge­ord­ne­ten­haus ein. »Wir haben mor­gen unse­re ers­te Sit­zung mit der künf­ti­gen Frak­ti­on und wer­den dort die Per­so­na­li­en bera­ten«, sag­te sie. Zwei, drei Kan­di­da­ten habe man schon im Auge. Namen woll­te sie aller­dings noch nicht nen­nen.

Par­tei­en wol­len zusam­men­ar­bei­ten
Ziem­lich sicher dürf­te sein, dass in Mar­zahn-Hel­lers­dorf künf­tig die Lin­ke mit Dag­mar Poh­le die Bezirks­bür­ger­meis­te­rin stellt. Wahl­kampf­lei­ter Bjo­ern Tiel­ebein sagt, die Par­tei sei erneut die stärks­te Kraft im Bezirk gewor­den und habe damit das Vor­schlags­recht. Mit 26 Pro­zent muss­te sie jedoch gegen­über 2011 den Ver­lust von 5,1 Pro­zent hin­neh­men. Nur die SPD und die Pira­ten ver­lo­ren mit 8,1 Pro­zent bzw. 6,9 Pro­zent mehr Stim­men­an­tei­le. Die CDU hat­te pro­zen­tu­al einen Ver­lust von nur 0,1 Pro­zent. »Wir wer­den die ande­ren demo­kra­ti­schen Par­tei­en ein­la­den, um über Inhal­te und das künf­ti­ge Bezirks­amt zu spre­chen«, sagt Tiel­ebein. Ein Datum dafür nann­te er noch nicht. Zunächst soll­ten die Par­tei­gre­mi­en in aller Ruhe das Wahl­er­geb­nis ana­ly­sie­ren. Das Resul­tat für die AfD nann­te er »scho­ckie­rend«. Nun müss­ten alle demo­kra­ti­schen Kräf­te in der BVV und im Bezirks­amt zusam­men­ar­bei­ten. So sieht das auch Chris­ti­an Gräff (CDU), bis­her Stadt­rat für Wirt­schaft und Stadt­ent­wick­lung. Lin­ke, SPD und CDU müss­ten sich jetzt zusam­men­set­zen, um eine To-Do-Lis­te auf­zu­stel­len, sagt Gräff, der im Wahl­kreis 4 (Spring­pfuhl, Bies­dorf-Nord, Bies­dorf-Süd) ein Direkt­man­dat gewann. Ob er selbst ins Abge­ord­ne­ten­haus ein­zieht oder den der CDU zuste­hen­den Stadt­rats­pos­ten annimmt, habe er noch nicht end­gül­tig ent­schie­den: »Es ist schwie­rig, ein Direkt­man­dat nicht wahr­zu­neh­men«, sag­te er. Bleibt Gräff im Bezirks­amt, könn­te für ihn die bis­he­ri­ge BVV-Vor­ste­he­rin Kath­rin Ber­ni­kas, Part­ne­rin von Ber­lins CDU-Chef Frank Hen­kel, ins Abge­ord­ne­ten­haus ein­zie­hen. Nimmt sie das Man­dat eben­falls nicht wahr, wie schon 2011, wür­de wie damals der Vier­te auf der CDU-Bezirks­lis­te, Alex­an­der J. Herr­mann, ins Par­la­ment kom­men.

Die Wahl­be­tei­li­gung für die BVV-Wahl lag bei 59 Pro­zent (2011: 50,2).

Brau­er und Hil­ler nicht mehr im Par­la­ment
Mit Wolf­gang Brau­er (Wahl­kreis 1) und Gabrie­le Hil­ler (Wahl­kreis 3) ver­lo­ren zwei erfah­re­ne Poli­ti­ker der Lin­ken ihr Direkt­man­dat im Abge­ord­ne­ten­haus. Bei­de sind nicht durch die Lan­des­lis­te ihrer Par­tei abge­si­chert. Nicht mehr im Abge­ord­ne­ten­haus ver­tre­ten ist auch Lia­ne Oll­ech (SPD). Die Direkt­man­da­te in den sozi­al schwie­ri­gen Wahl­krei­sen 1 (Ahrens­fel­de-Süd, Mar­zahn-West, Mar­zahn-Ost) und 3 (Alt-Hel­lers­dorf, Hel­lers­dorf-Nord, Hönow-West) gin­gen an die AfD-Ver­tre­ter Gun­nar Nor­bert Lin­de­mann bzw. Jes­si­ca Bieß­mann. Im Wahl­kreis 2 (Mar­zahner Pro­me­na­de, Allee der Kos­mo­nau­ten) konn­te Manue­la Schmidt (Lin­ke) ihr Direkt­man­dat ver­tei­di­gen. Eben­falls für die Lin­ke gewann Kris­ti­an Ron­ne­burg erst­mals das Direkt­man­dat im Wahl­kreis 6 ( Kauls­dorf-Nord, Hel­lers­dorf-Süd). Die Wahl­krei­se 4 (Spring­pfuhl, Bies­dorf-Nord, Bies­dorf-Süd) und 5 (Mahls­dorf, Kauls­dorf) gin­gen an die CDU – Chris­ti­an Gräff und Mario Cza­ja. Sven Kohl­mei­er und Iris Spran­ger von der SPD zie­hen über die Bezirks­lis­te ins Abge­ord­ne­ten­haus ein. Jean­net­te Auricht (AfD) und Ste­fan Zil­ler (Grü­ne) kom­men über Lan­des­lis­ten ihrer Par­tei­en ins Abge­ord­ne­ten­haus. Ins­ge­samt ist damit der Bezirk dort dann mit zehn Abge­ord­ne­ten ver­tre­ten.

Die Wahl­be­tei­li­gung bei der Abge­ord­ne­ten­haus-Wahl lag bei 61 Pro­zent (2011: 53,5 Pro­zent)

Lich­ten­berg:
Die Links­par­tei ist in Lich­ten­berg trotz Ver­lus­ten wei­ter­hin stärks­te Kraft. Sie erreich­te bei den Wah­len zur Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung 29,8 Pro­zent der Stim­men. Dritt­stärks­te Kraft wur­de die AfD. Im Bezirks­amt sind die Lin­ken mit zwei sowie CDU, SPD und AfD mit jeweils einem Stadt­rat ver­tre­ten. Die meis­ten Stim­men bei der Wahl zur BVV muss­te die SPD ein­bü­ßen. Sie ver­lor 7,6 Pro­zent im Ver­gleich zu 2011, wäh­rend die CDU 0,6 Pro­zent und die Grü­nen 0,8 Pro­zent zuleg­ten. Die Lin­ke büß­te 4,4 Pro­zent ein, die Pira­ten sogar 6,3 Pro­zent.

Ers­te kur­disch­stäm­mi­ge Bür­ger­meis­te­rin Deutsch­lands?
Dem Ver­neh­men nach hat Evrim Som­mer (Die Lin­ke) die bes­ten Chan­cen, Bezirks­bür­ger­meis­te­rin zu wer­den – und bun­des­weit Geschich­te zu schrei­ben. Sie wäre die ers­te kur­disch­stäm­mi­ge Ver­wal­tungs­che­fin Deutsch­lands. Kaum Chan­cen hat die der­zeit amtie­ren­de Bezirks­bür­ger­meis­te­rin Bir­git Mon­tei­ro (SPD). Um erneut mit den Stim­men von SPD, Grü­nen und CDU gewählt zu wer­den, müss­te sie 28 von 55 Stim­men erhal­ten. Die drei Par­tei­en kom­men aber nach der Wahl gera­de ein­mal auf 25 Stim­men.

Micha­el Grunst, Chef der Lin­ken in Lich­ten­berg, bekräf­tig­te am Mon­tag gegen­über LiMa+, dass sei­ne Par­tei als stärks­te Frak­ti­on vom Vor­schlags­recht für den Bezirks­bür­ger­meis­ter­pos­ten Gebrauch machen wer­de. Eine eben­falls in Fra­ge kom­men­de Wahl von Bir­git Mon­tei­ro mit den Stim­men der Lin­ken schloss Grunst aus. »Wir haben alle Par­tei­en außer der AfD per E-Mail zu Gesprä­chen ein­ge­la­den«, sag­te Grunst. Die­se und nächs­te Woche sol­le es Son­die­rungs­ge­sprä­che geben. Der Lich­ten­ber­ger CDU-Vor­sit­zen­de Mar­tin Pät­zold kün­dig­te eben­falls Gesprä­che mit allen Par­tei­en, außer der AfD, an. Er schließt nicht aus, dass die CDU auch eine Lin­ken-Kan­di­da­tin an der Rat­haus-Spit­ze unter­stüt­zen könn­te. »Wir haben aller­dings ein paar The­men, über die wir uns offen unter­hal­ten müs­sen.« Die SPD woll­te sich nach Anga­ben ihres Kreis­vor­sit­zen­den Ole Kreins am Mon­tag­abend bera­ten.

Die Wahl­be­tei­li­gung lag bei den BVV-Wah­len bei 60 Pro­zent (52,4 Pro­zent).

Umstrit­te­ner AfD-Direkt­kan­di­dat
Bei den Wah­len zum Abge­ord­ne­ten­haus zeich­net sich ein ähn­li­ches Bild ab wie in der BVV: Die Lin­ke liegt bei den Zweit­stim­men mit 26,9 Pro­zent vorn, gefolgt von der SPD mit 19,7 Pro­zent, der AfD mit 19 Pro­zent, der CDU mit 12 Pro­zent und den Grü­nen mit 7,7 Pro­zent. Am deut­lichs­ten ver­lo­ren die SPD mit -11,2 Pro­zent und die Pira­ten mit -7,5 Pro­zent. Sowohl bei den Wah­len zur BVV als auch zum Abge­ord­ne­ten­haus ver­zeich­net die AfD in den Groß­sied­lun­gen im Nor­den Lich­ten­bergs die meis­ten Stim­men. Im Wahl­kreis 1 (Neu-Hohen­schön­hau­sen) errang der umstrit­te­ne AfD-Kan­di­dat Kay Nerst­hei­mer ein Direkt­man­dat mit einem Pro­zent­punkt vor der Links­par­tei-Kan­di­da­tin Ines Schmidt. Der gelern­te Koch Nerst­hei­mer, jetzt Sicher­heits­fach­kraft, war 2012 Ber­li­ner Divi­si­on-Lea­der einer Ger­man Defence League. Gegen ihn läuft laut Ber­lins AfD-Chef Georg Paz­der­ski ein Par­tei-Unter­su­chungs­ver­fah­ren. Obwohl sich Schmidt, Dan­ny Frey­mark (CDU) und Karin Halsch (SPD) geschla­gen geben müs­sen, zie­hen sie den­noch ins Abge­ord­ne­ten­haus – über Lan­des- bezie­hungs­wei­se Bezirks­lis­ten. Damit wird der Wahl­kreis 1 von gleich vier Abge­ord­ne­ten ver­tre­ten. Die Lin­ke wie­der­um hol­te alle übri­gen fünf Direkt­man­da­te im Bezirk. Ins­ge­samt schickt Lich­ten­berg neun Abge­ord­ne­te ins Ber­li­ner Par­la­ment.

Die kom­men­den Tage wol­len die eta­blier­ten Lich­ten­ber­ger Par­tei­en dazu nut­zen, die Wah­len zu ana­ly­sie­ren. »Man muss sich mit Demut das Ergeb­nis vor allem in Hohen­schön­hau­sen anschau­en«, sag­te Micha­el Grunst. Ole Kreins kün­dig­te an, dass sich die SPD noch stär­ker um die sozia­len Belan­ge der Men­schen küm­mern wol­le. »Wir ver­ste­hen die­ses Wahl­er­geb­nis als Arbeits­auf­trag.« Mar­tin Pät­zold führ­te das schlech­te Abschnei­den sei­ner Par­tei auf Lan­des­ebe­ne auf eine zer­strit­te­ne Koali­ti­on zurück. »Das hat kei­nen guten Ein­druck hin­ter­las­sen, und das mei­ne ich auch ganz selbst­kri­tisch mit Blick auf die CDU«, sag­te er.

Die Wahl­be­tei­li­gung zur Abge­ord­ne­ten­haus­wahl lag bei 62,9 Pro­zent (2011: 53,5 Pro­zent).

Autor: Birgitt Eltzel & Marcel Gäding
Verweis: www.lichtenbergmarzahnplus.de/denkzettel-der-abgehaengten/

Quelle: LichtenbergMarzahnPlus | 19.09.2016

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