Pressespiegel

Das Geschäft mit den Flüchtlingen

Für die Ber­li­ner Bou­le­vard­zei­tung B.Z. war es ein gefun­de­nes Fres­sen: Gleich drei Auto­ren hat­ten sich an der Geschich­te zu schaf­fen gemacht, die am Ende eine schö- ne Schlag­zei­le gab: »Sta­si-Knast soll Flücht­lings­heim wer­den«. Auf­ruhr bei den Nach­barn, alle­samt Bewoh­ner einer beschau­li­chen Eigen­heim­sied­lung zwi­schen Gens­ler­stra­ße und Lich­ten­au­er Stra­ße. Was in der B.Z.-Geschichte nicht stand: Eine Flücht­lings­un­ter­kunft ist bau­recht­li­ch gar nicht geneh­mi­gungs­fä­hig. Kon­kret geht es um einen Büro­trakt an der Lich­ten­au­er Stra­ße, der ein­st zum Unter­su­chungs­ge­fäng­nis des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit gehör­te und Platz für Sta­si-Ver­neh­mer bot. Im Gegen­satz zum eins­ti­gen Knast, dem Haft­kran­ken­haus und dem Haupt­ver­wal­tungs­ge­bäu­de wur­de der Büro­trakt nicht von der Gedenk­stät­te Ber­lin­Ho­hen­schön­hau­sen über­nom­men. Statt­des­sen wur­de das Haus ver­kauft. Seit­her ver­sucht des­sen Eigen­tü­mer, aus der Immo­bi­lie Pro­fit zu schla­gen. Zunächst woll­te er 2013 Stu­den­ten in dem Haus unter­brin­gen. Im glei­chen Jahr kam die Idee, dar­in eine Gemein­schafts­un­ter­kunft für bis zu 486 Asyl­be­wer­ber ein­zu­rich­ten. Bei­des ist aber nach dem Bau­ge­setz­buch unzu­läs­sig, da die­se Sei­te der Lich­ten­au­er Stra­ße gewerb­li­ch geprägt ist. »Somit fügt sich das bean­trag­te Vor­ha­ben gemäß § 34 Abs. 1 Bau­GB hin­sicht­li­ch der Art der Nut­zung nicht in die den Rah­men prä- gen­de nähe­re Umge­bung ein«, teilt dazu Lich­ten­bergs Stadt­ent­wick­lungs­stadt­rat Wil­fried Nün­thel (CDU) mit. Im Klar­text: Was als Gewer­be­stand­ort vor­ge­se­hen ist, kann nicht für Wohn­zwe­cke genutzt wer­den. »Auf­grund der gesetz­li­chen Zweck­be­stim­mung dient eine Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft dem ein­zel­nen Asyl­be­wer­ber für eine mehr als nur unbe­acht­li­ch kur­ze Dau­er als Lebens­mit­tel­punkt«, heißt es aus dem Bau­amt. Damit kom­me ihr ein wohn­ähn­li­cher Cha­rak­ter zu. »Dar­aus folgt, dass sich eine Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft in dem über­wie­gend gewerb­li­ch gepräg­ten Bereich als gebiet­s­un­ver­träg­li­ch erweist.« Nach­dem der Antrag abge­lehnt wur­de, wand­te sich der glei­che Haus­ei­gen­tü­mer im Som­mer 2014 erneut an die Lich­ten­ber­ger Behör­den – die­ses Mal mit der Idee, ein Hostel in dem frü­he­ren Sta­si-Ver­neh­mert­rakt ein­rich­ten zu wol­len. Auch hier lau­te­te die Ant­wor­te der Bau­ver­wal­tung: nein! »Ich hal­te es nach wie vor für nicht gerecht­fer­tigt, an die­sem Stand­ort in einem Gewer­be­ge­biet eine Wohn­nut­zung zu geneh­mi­gen«, sag­te Wil­fried Nün­thel sodann auch auf der Febru­ar­sit­zung der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung. »Den Stand­ort an der Lich­ten­au­er Stra­ße sehe ich als unge­eig­net.« Deut­li­che Worte fand Nün­thel in Rich­tung des Inves­tors. »Die Men­schen in der Nach­bar­schaft sind durch die Schlag­zei­len ver­un­si­chert.« Ärger­li­ch sei es, dass man­ch ein Immo­bi­li­en­be­sit­zer die Lage der Flücht­lin­ge aus­nut­ze, um aus jah­re­lang leer­ste­hen­den Lie­gen­schaf­ten Pro­fit zu schla­gen. Lich­ten­bergs Bezirks­bür­ger­meis­te­rin Bir­git Mon­tei­ro (SPD) ergänz­te, dass der Bezirk dem Senat dezen­tra­le Stand­or­te vor­ge­schla­gen habe. Sie for­dert eine gemein­sa­me Kom­mis­si­on, um Pla­nun­gen von Flücht­lings­un­ter­künf­ten zwi­schen Bezirk und Senat abzu­stim­men. »Momen­tan erfah­ren wir jedoch über Drit­te von den Vor­ha­ben des Senats«, kri­ti­siert die Rat­haus-Che­fin. In einem Brief an den zustän­di­gen Sozi­al­se­na­tor Mario Cza­ja (CDU) bot Mon­tei­ro an, dass Senats­mit­glie­der auch an Sit­zun­gen des Bezirks­am­tes teil­neh­men. Eine Ant­wort dar­auf steht noch aus.

Autor: Marcel Gäding
Verweis: bezirks-journal.de/wp-content/uploads/2015/03/Bezirks-Journal-Lichtenberg-M%C3%A4rz-2015.pdf

Quelle: Lichtenberger Bezirks-Journal | 12.03.2015

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