Meldung

Vom Schüler zum 52jährigen Großunternehmer- Jugend und Parlament

Der Schü­ler Flo­ri­an Kla­wun wur­de von dem Lich­ten­ber­ger Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Dr. Mar­tin Pät­zold ein­ge­la­den, an die­sem Plan­spiel teil­zu­neh­men. Des­halb schlüpf­te Flo­ri­an im Zeit­raum vom 31. Mai 2014 bis zum 3. Juni in die Rol­le des fik­ti­ven Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Herrn Win­ter. Der 52jäh­ri­ge Herr Win­ter ist ein hes­si­scher Groß­un­ter­neh­mer, der eine bun­des­wei­te Tex­til­ket­te lei­tet. Zudem ist er glück­lich mit sei­ner Frau ver­hei­ra­tet und hat ein gemein­sa­mes Kind. Poli­ti­sches Enga­ge­ment wird in sei­ner Fami­lie groß geschrie­ben, kon­ser­va­ti­ve Wer­te eine Fami­li­en­tra­di­ti­on. Nicht zuletzt des­halb wur­de Herr Win­ter 2002 erst­ma­lig für die Christ­de­mo­kra­ten in den Deut­schen Bun­des­tag gewählt.

Die über 300 Jugend­par­la­men­ta­ri­er wur­den per Zufalls­prin­zip den vier der­zei­tig im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Frak­tio­nen zuge­ord­net, wel­che im Jugend­par­la­ment aller­dings umbe­nannt wur­den. So wur­de aus der SPD die Arbeit­neh­mer­par­tei Deutsch­lands (APD) und aus der Uni­on die Christ­li­che Volks­par­tei (CVP). Herr Win­ter war also Mit­glied der größ­ten Frak­ti­on, der CVP, und besaß mit sei­nen 152 Kol­le­gen bei­na­he eine abso­lu­te Mehr­heit im Deut­schen Bun­des­tag.

Anfangs stand Ken­nen­ler­nen inner­halb der ein­zel­nen Lan­des­grup­pen der CVP auf der Tages­ord­nung, wo abschlie­ßend auch die ers­ten Wah­len zu den Lan­des­grup­pen­vor­sit­zen­den anstan­den. Anschlie­ßend gab es die ers­te gro­ße Frak­ti­ons­sit­zung im ech­ten Frak­ti­ons­saal der Uni­on. Dort wur­de der Vor­stand der CVP gewählt und die ers­ten Posi­tio­nen für die zu ver­ab­schie­den­den Geset­zes­ent­wür­fe beschlos­sen. Ins­ge­samt gab es vier Stück davon. Der ers­te, vom Bun­des­rat initi­iert, beinhal­te allen über 65jäh­ri­gen den Füh­rer­schein inner­halb von zwei Jah­ren zu ent­zie­hen. Selbst­ver­ständ­lich ent­spricht so eine Bevor­mun­dung und Ent­mün­di­gung der Bür­ger nicht den Ansich­ten der CVP. Es wur­den also ers­te Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt, wie man die­sen Ent­wurf kip­pen bzw ändern kann.

Der zwei­te Ent­wurf war von der Bun­des­re­gie­rung initi­iert und beinhal­te­te die Ver­schär­fung von Daten­schutz­richt­li­ni­en. Der drit­te befass­te sich mit dem Aus­bau von Wind­kraft­an­la­gen und schluss­end­lich war der letz­te ein Antrag der Bun­des­re­gie­rung über den Ein­satz von Bun­des­wehr­trup­pen im fik­ti­ven, afri­ka­ni­schen Staat Sahe­li­en. Nach­dem die ers­ten Ansich­ten und Posi­tio­nen abge­klärt waren, wur­den die ein­zel­nen Par­la­men­ta­ri­er den 12 Aus­schüs­sen zuge­ord­net. Herr Win­ter wur­de so Mit­glied im Aus­schuss für Äuße­res, der feder­füh­rend den Antrag der Bun­des­re­gie­rung bera­ten soll­te.

Am fol­gen­den Tag fand dann die ers­te Lesung der Geset­zes­ent­wür­fe im Ple­nar­saal des Deut­schen Bun­des­ta­ges statt. Die Jugend­par­la­men­ta­ri­er erhiel­ten so die ein­ma­li­ge Gele­gen­heit im Ple­nar­saal des Reichs­tags­ge­bäu­des zu tagen. Dort wur­den die ein­zel­nen The­men jeweils drei Aus­schüs­sen über­wie­sen, wobei einer jeweils feder­füh­rend und zwei bera­tend waren.

Der Aus­schuss für Äuße­res bestand aus 26 Mit­glie­der, wobei 21 die­ser Mit­glie­der aus der Regie­rungs­ko­ali­ti­on stamm­ten. Hin­ter­grund des Antrag war, dass das Land Sahe­li­en seit den 1980’ger Jah­ren ein demo­kra­ti­scher und libe­ra­ler Staat ist und nun seit 2010 isla­mis­ti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen im Wes­ten des Land Bür­ger­krieg füh­ren. Mit­tels eines UN- und EU-Beschlus­ses hat Frank­reich 3000 Sol­da­ten in den west­li­chen Teil des Lan­des ent­sen­det, um die sahe­li­schen Trup­pen zu unter­stüt­zen. Deutsch­land ist nun im Rah­men die­ser Beschlüs­se auf­ge­for­dert, sich an die­sen Ein­sät­zen zu betei­li­gen, in dem 50 Bun­des­wehr­sol­da­ten in den öst­li­chen Teil des Lan­des ein­ge­setzt wer­den sol­len. Dort sol­len sie sahe­li­sche Sol­da­ten unter­stüt­zen. Für die Regie­rungs­ko­ali­ti­on war es ein­deu­tig, dass Deutsch­land sich sei­ner Ver­ant­wor­tung stel­len soll­te. Prin­zi­pi­ell stell­te sich die Par­tei der sozia­len Gerech­tig­keit (PSG) dage­gen. Hef­ti­ge Ver­hand­lun­gen und Dis­kus­sio­nen wur­den hin­ge­gen mit den Aus­schuss­mit­glie­dern der Öko­lo­gisch-Sozia­len Par­tei (ÖSP) geführt, da die­se prin­zi­pi­ell ihre Zustim­mung gaben, aller­dings noch eige­ne Punk­te mit ein­brin­gen woll­ten. Und so konn­te im End­ef­fekt durch inten­si­ve Gesprä­che, Ver­hand­lun­gen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen eine rie­si­ge Mehr­heit inner­halb des Aus­schus­ses für die­sen Antrag auf­ge­baut wer­den.

Im Fol­gen­den gab es die zwei­te gro­ße Frak­ti­ons­sit­zung, in der die ein­zel­nen Aus­schüs­se ihre Ergeb­nis­se prä­sen­tie­ren soll­ten und die Frak­ti­on auf ihr aus­ge­han­del­tes Ergeb­nis ein­schwö­ren soll­ten. Hier­bei kam es zu gro­ßen Aus­ein­an­der­set­zun­gen inner­halb der Frak­ti­on, da sich die Aus­schuss­mit­glie­der des Wind­kraft-Ent­wur­fes und des Füh­rer­schein-Ent­wur­fes von den ande­ren Par­tei­en über den Tisch zie­hen haben las­sen. Da die Mehr­heit der Frak­ti­on die aus­ge­han­del­ten Ergeb­nis­se fun­da­men­tal ablehn­te, muss­ten kurz­fris­tig Kom­pro­mis­se mit den ande­ren Par­tei­en aus­ge­han­delt wer­den. Dies geschah durch die Vor­stän­de in per­sön­li­chen Gesprä­chen. Zunächst ver­lie­fen die­se sehr ergeb­nis­los. Ein CVP-Abge­ord­ne­ter wird spä­ter von der Spiel­pres­se zitiert wer­den: »Wir sind bereit, die Koali­ti­on bre­chen zu las­sen, wenn die APD das Volk ent­mün­di­gen will!«

Bis spät in die Nacht wur­de ver­han­delt, nach trag­ba­ren Kom­pro­mis­sen gesucht und schluss­end­lich eine gute Lösung gefun­den. Am Ende waren alle glück­lich, dass die ner­ven­auf­rei­ben­de Arbeit nun vor­bei war und sie alle zum Abend­essen konn­ten.

Am letz­ten Tag stan­den die gro­ßen Ple­nar­de­bat­ten in der zwei­ten und drit­ten Lesung der Geset­zes­ent­wür­fe an. Hier­bei durf­ten genau 48 Jugend­par­la­men­ta­ri­er eine Rede hal­ten und dort ste­hen, wo sonst die berühm­ten Berufs­po­li­ti­ker ste­hen. Glück­li­cher­wei­se wur­den alle Geset­zes­ent­wür­fe mit gro­ßer Mehr­heit ange­nom­men. Ledig­lich die PSG stimm­te geschlos­sen gegen alles, hat­te aber auf­grund ihrer gerin­gen Grö­ße kei­ner­lei Ein­fluss.

Been­det wur­den die span­nen­den Tage durch eine Podi­ums­dis­kus­si­on mit den tat­säch­li­chen Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den, bzw. deren Stell­ver­tre­ter. Zu guter Letzt schloss Bun­des­tags­prä­si­dent Prof. Dr. Lam­mert die Ver­an­stal­tung mit einer sehr mit­rei­ßen­den Rede.

Flo­ri­an Kla­wun reflek­tiert über die­se Tage sehr posi­tiv, da sie ihm viel Neu­es gezeigt haben, tief­grei­fen­de Ein­bli­cke ermög­licht haben und er mit vie­len neu­en Men­schen Kon­takt auf­neh­men konn­te. Beson­ders inter­es­sant wur­de die Ver­an­stal­tung durch eine über­kri­ti­sche Spiel­pres­se, die zum Bei­spiel bereits eine Stun­de nach der Wahl von Dr. von Schnauck in den CVP-Frak­ti­ons­vor­stand Pla­gi­ats­vor­wür­fe erho­ben hat oder die Frau­en­quo­te von nur 20 % im CVP-Vor­stand ange­pran­gert hat. Man muss­te also immer genau­es­tens auf­pas­sen, wie man was exakt vor der Pres­se for­mu­liert.

»Jugend und Par­la­ment hat mir per­sön­lich viel Spaß berei­tet, da man mit den ver­schie­dens­ten Men­schen zusam­men tie­fe Ein­bli­cke in den par­la­men­ta­ri­schen All­tag gewin­nen konn­te. Auch wenn man­che Dis­kus­sio­nen sehr ner­ven­auf­rei­bend waren und man­che Pres­se­mit­tei­lung nur ver­ständ­nis­lo­ses Kopf­schüt­teln aus­ge­löst haben, war es sehr inter­es­sant für vier Tage Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter sein zu dür­fen. Ich rate wirk­lich jedem Jugend­li­chen, der sich für Poli­tik inter­es­siert, sich für ›Jugend und Par­la­ment 2015‹ zu bewer­ben. Es ist eine sehr ein­ma­li­ge Erfah­rung.«, fasst Flo­ri­an Kla­wun im Gespräch zusam­men.

Herausgeber: Dr. Martin Pätzold | 04.06.2014

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